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Guidance Observatory

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Nebenwirkungen von Begleitung: ein Tabu, das keines sein sollte

In der Psychotherapie gehören unerwünschte Effekte selbstverständlich zur Qualitätsdebatte. Im Coaching wurden sie lange kaum untersucht. Die vorhandenen Studien zeigen: Nebenwirkungen sind häufig, meist leicht – und hängen mit Beziehung und Supervision zusammen.

Sven · Senior Systemic Architect & Executive Coach

Wer über Coaching spricht, spricht fast immer über Nutzen. Die Meta-Analysen geben dafür gute Gründe. Doch jede wirksame Intervention kann auch unerwünschte Effekte haben – in der Psychotherapieforschung ist das seit Langem Konsens. These: Eine Begleitungspraxis, die Nebenwirkungen nicht kennt, kann sie auch nicht verringern.

Was die Forschung bisher weiß

Die erste systematische Untersuchung im deutschsprachigen Raum stammt von Schermuly, Schermuly-Haupt, Schölmerich und Rauterberg (2014).1 Nach einer qualitativen Vorstudie wurden 123 Coachings aus Sicht der Coaches ausgewertet. Die Ergebnisse:

  • Im Durchschnitt traten pro Coaching zwei negative Effekte auf.
  • Ihre Intensität war überwiegend niedrig.
  • Als Ursachen sahen die Coaches vor allem Merkmale der Klient:innen, aber auch den eigenen Umgang mit psychischen Erkrankungen der Klient:innen und Zeitknappheit.
  • Je mehr Themen bearbeitet wurden, desto häufiger traten negative Effekte auf.

Eine spätere Literaturübersicht von Schermuly und Graßmann (2019) fasst neun Studien mit unterschiedlichen Designs zusammen.2 Das Bild bleibt stabil: Negative Effekte sind häufig, schwere sind selten. Zwei Faktoren tauchen wiederholt als schützend auf:

FaktorBefund
BeziehungsqualitätHöhere Beziehungsqualität zwischen Klient:in und Coach geht mit weniger negativen Effekten einher.2 Die Meta-Analyse zur Arbeitsbeziehung beziffert den Zusammenhang auf r = −0,29.3
SupervisionDie Befunde deuten auf einen günstigen Einfluss von Supervision hin.2

Außerdem hängen negative Effekte für Klient:innen und für Coaches zusammen:2 Wenn eine Begleitung für die eine Seite belastend wird, ist sie es oft auch für die andere.

Welche Arten von Nebenwirkungen es gibt

Die Studien unterscheiden negative Effekte nach Betroffenen. Für die Praxis hilft eine einfache Einteilung (eigene Systematisierung, These):

BetroffenBeispiele
Begleitete Personaufgewühlte Themen ohne Raum zur Bearbeitung, Verunsicherung, Abhängigkeit von der Begleitung, Konflikte im Umfeld nach Veränderungen
Begleiter:inÜberforderung, emotionale Belastung, Rollenkonflikte zwischen Auftraggeber und Klient:in
OrganisationErwartungen, die nicht erfüllt werden; Weggang nach geklärter Unzufriedenheit; Vertrauensverlust bei Vertraulichkeitsbrüchen

Nicht jeder dieser Effekte ist ein Fehler. Wer in einer Begleitung erkennt, dass die eigene Stelle nicht passt, und kündigt, erlebt für die Organisation einen Verlust – für die Person kann es die richtige Entscheidung sein.

Folgerungen für die Praxis

  1. Nebenwirkungen offen ansprechen. Schon im Erstgespräch kann benannt werden, dass Begleitung aufwühlen kann – und was dann passiert.
  2. Themen begrenzen. Der Zusammenhang zwischen Themenbreite und negativen Effekten1 spricht für fokussierte Aufträge statt „alles auf einmal“.
  3. Grenzen zur Behandlung klären. Dass Coaches den eigenen Umgang mit psychischen Erkrankungen als Ursache nennen,1 unterstreicht die Bedeutung klarer Grenzen und Weiterverweisung (siehe Grenzen der Begleitung).
  4. Supervision als Standard. Wenn Supervision Nebenwirkungen verringert, ist sie keine Kür, sondern Qualitätssicherung – auch für erfahrene Begleiter:innen.
  5. Zeit einplanen. Zeitknappheit wird als Ursache genannt.1 Programme mit zu engem Takt sparen an der falschen Stelle.

Wann dieser Blick in die Irre führt

Die Forschungslage ist schmal: wenige Studien, oft aus Sicht der Coaches, meist Selbstauskünfte. Häufige, leichte Nebenwirkungen sind kein Grund, Begleitung zu meiden – sie sind ein Grund, sie professionell zu gestalten. Wer aus diesen Befunden ein generelles Risiko ableitet, überdehnt sie ebenso wie jemand, der sie ignoriert.

Offene Fragen

  • Wie häufig sind negative Effekte aus Sicht der begleiteten Personen selbst?
  • Welche Supervisionsformen wirken – und in welcher Frequenz?
  • Wie sollten Organisationen mit negativen Effekten umgehen, ohne die Vertraulichkeit einzelner Begleitungen zu verletzen?

Alle hier verwendeten Quellen stehen im Evidenzregister.


Offenlegung: Guidance Observatory wird von BA Entertainment herausgegeben. BA Entertainment betreibt mit Co;Gether zugleich eine Plattform für professionelle Begleitung. Diese Analyse fasst Forschung zusammen und nennt keine Anbieter.

Quellen

  1. Schermuly, C. C., Schermuly-Haupt, M.-L., Schölmerich, F., & Rauterberg, H. (2014). Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie … – Negative Effekte von Coaching. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 58(1), 17–33. https://doi.org/10.1026/0932-4089/a000129 ↩ ↩2 ↩3 ↩4

  2. Schermuly, C. C., & Graßmann, C. (2019). A literature review on negative effects of coaching – what we know and what we need to know. Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 12(1), 39–66. https://doi.org/10.1080/17521882.2018.1528621 ↩ ↩2 ↩3 ↩4

  3. Graßmann, C., Schölmerich, F., & Schermuly, C. C. (2020). The relationship between working alliance and client outcomes in coaching: A meta-analysis. Human Relations, 73(1), 35–58. https://doi.org/10.1177/0018726718819725 ↩