Technology
Präsenz, online, wie lange? Was die Forschung über Format und Dauer von Begleitung sagt
Programme werden oft nach Sitzungszahl und Format verkauft: zehn Termine, vor Ort, sechs Monate. Die Meta-Analysen finden für beides erstaunlich wenig Einfluss auf die Wirkung. Was daraus folgt – und wo die Datenlage zu dünn für klare Aussagen ist.
„Wie viele Sitzungen braucht es?“ und „Geht das auch online?“ gehören zu den häufigsten Fragen, wenn Begleitung geplant wird. In der Software-Architektur-Analyse haben wir gefragt, welche Rolle Technik zwischen den Terminen spielen kann. Dieser Text klärt die Vorfrage für die Säule Technology: Hängt die Wirkung von Begleitung überhaupt von Format und Dauer ab?
Was die Meta-Analysen zum Format sagen
Die Meta-Analyse von Jones, Woods und Guillaume hat das Format ausdrücklich als möglichen Einflussfaktor geprüft – Präsenz, gemischte Formen aus Präsenz und E-Coaching sowie reines E-Coaching.1 Ergebnis: Das Format veränderte die Effektstärke nicht signifikant.
Das ist ein wichtiger, aber kein abschließender Befund:
- Die Analyse umfasst nur 17 Studien.1 Innerhalb davon sind die Untergruppen je Format klein.
- „Keine signifikanten Unterschiede“ heißt nicht „nachweislich gleich“. Kleine Unterschiede könnten bei dieser Datenlage unentdeckt bleiben.
- Die Studien stammen überwiegend aus einer Zeit, in der Videogespräche noch weniger selbstverständlich waren als heute.
These: Online-Begleitung ist nach heutigem Stand kein Qualitätsverlust per se. Ob sie im Einzelfall passt, hängt eher von Anliegen, Person und Beziehung ab als vom Kanal.
Was die Meta-Analysen zur Dauer sagen
Auch die Dauer wurde mehrfach geprüft:
| Studie | Befund zur Dauer |
|---|---|
| Jones, Woods & Guillaume (2016)1 | Keine signifikante Moderation durch Sitzungszahl oder Gesamtdauer |
| de Haan & Nilsson (2023), nur RCTs2 | Effekte hängen „nicht stark“ von der Gesamtdauer des Coachings ab |
| Graßmann, Schölmerich & Schermuly (2020)3 | Zusammenhang zwischen Arbeitsbeziehung und Ergebnis unterscheidet sich nicht nach Sitzungszahl |
| Sonesh et al. (2015)4 | Sitzungszahl als einer von mehreren signifikanten Moderatoren genannt – neben Stichprobe, Studiendesign und Hintergrund der Coaches |
Die Befunde sind nicht völlig einheitlich, deuten aber in eine Richtung: Mehr Sitzungen führen nicht automatisch zu mehr Wirkung. Was in einer Begleitung passiert, scheint wichtiger zu sein als wie lange sie dauert.
Warum das plausibel ist
Zwei Befunde aus anderen Analysen helfen bei der Einordnung:
- Die Arbeitsbeziehung ist einer der am besten belegten Wirkfaktoren (siehe Arbeitsbeziehung). Sie entsteht nicht linear mit der Zahl der Termine.
- Die Themenbreite hängt mit mehr Nebenwirkungen zusammen (siehe Nebenwirkungen). Lange Programme verleiten dazu, immer neue Themen zu öffnen.
Auch eine Studie zu KI-gestütztem Coaching passt ins Bild: In einem eng umrissenen, geskripteten Setting erreichten ein Chatbot und menschliche Coaches nach zehn Monaten eine ähnliche Zielerreichung.5 Für komplexe Anliegen lässt sich daraus wenig ableiten – wohl aber, dass die Struktur einer Begleitung oft mehr trägt als ihr Kanal (siehe KI in der Begleitung).
Folgerungen für die Gestaltung
- Dauer am Anliegen ausrichten, nicht am Paket. Ein klar umrissenes Anliegen kann in wenigen Sitzungen gut bearbeitet sein; ein Übergang in eine neue Rolle braucht vielleicht länger.
- Zwischenbilanzen einbauen. Statt „zehn Termine“ fest zu buchen, kann nach einigen Sitzungen gemeinsam entschieden werden, ob und wie es weitergeht.
- Format wählen lassen. Wo Präsenz und Online gleichwertig erscheinen, spricht viel dafür, die begleitete Person entscheiden zu lassen – das stärkt die Passung.
- Zeit zwischen den Terminen gestalten. Wenn Dauer allein wenig erklärt, rückt in den Blick, was zwischen den Sitzungen passiert: Reflexion, Übung, Transfer.
Wann diese Befunde nicht gelten
Die Meta-Analysen betreffen Coaching im Arbeitskontext. Für Mentoring über lange Zeiträume, für Supervision oder gar für Psychotherapie gelten eigene Befunde (siehe Grenzen der Begleitung). Und in akuten Krisen ist nicht die Frage „online oder Präsenz“, sondern „Begleitung oder Behandlung“ entscheidend.
Offene Fragen
- Unterscheidet sich die Wirkung von Video- und reinem Text-Coaching, wenn man beides direkt vergleicht?
- Gibt es eine Mindestdauer, unter der Begleitung kaum wirkt?
- Wie verändert sich die Arbeitsbeziehung, wenn zwischen den Terminen digitale Werkzeuge genutzt werden?
Alle hier verwendeten Quellen stehen im Evidenzregister.
Offenlegung: Guidance Observatory wird von BA Entertainment herausgegeben. BA Entertainment betreibt mit Co;Gether zugleich eine Plattform für professionelle Begleitung. Diese Analyse fasst Forschung zusammen und nennt keine Anbieter.
Quellen
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Jones, R. J., Woods, S. A., & Guillaume, Y. R. F. (2016). The effectiveness of workplace coaching: A meta-analysis of learning and performance outcomes from coaching. Journal of Occupational and Organizational Psychology, 89(2), 249–277. https://doi.org/10.1111/joop.12119 ↩ ↩2 ↩3
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de Haan, E., & Nilsson, V. O. (2023). What can we know about the effectiveness of coaching? A meta-analysis based only on randomized controlled trials. Academy of Management Learning & Education, 22(4), 641–661. https://doi.org/10.5465/amle.2022.0107 ↩
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Graßmann, C., Schölmerich, F., & Schermuly, C. C. (2020). The relationship between working alliance and client outcomes in coaching: A meta-analysis. Human Relations, 73(1), 35–58. https://doi.org/10.1177/0018726718819725 ↩
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Sonesh, S. C., Coultas, C. W., Lacerenza, C. N., Marlow, S. L., Benishek, L. E., & Salas, E. (2015). The power of coaching: A meta-analytic investigation. Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 8(2), 73–95. https://doi.org/10.1080/17521882.2015.1071418 ↩
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Terblanche, N., Molyn, J., de Haan, E., & Nilsson, V. O. (2022). Comparing artificial intelligence and human coaching goal attainment efficacy. PLOS ONE, 17(6), e0270255. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0270255 ↩