Leadership
Neurodivergenz in der Begleitung: zwischen Stärkenprofil und Anpassungsdruck
ADHS, Autismus oder Legasthenie werden am Arbeitsplatz zunehmend als Neurodivergenz beschrieben. Begleitung kann helfen – oder zur subtilen Anpassungsmaßnahme werden. Was die Forschung sagt, wo sie dünn ist und welche Grundsätze daraus folgen.
Immer mehr Erwachsene erhalten eine Diagnose wie ADHS oder Autismus – oft erst spät im Berufsleben. Gleichzeitig verbreitet sich der Begriff Neurodiversität. Für Organisationen und Begleiter:innen stellt sich die Frage: Was kann Begleitung hier leisten – und wo wird sie zum Problem? Diese Analyse ergänzt die Säule Leadership der Arbeitsdefinition.
Begriffe und Kontroversen
Ein Übersichtsartikel im British Medical Bulletin hat den Forschungsstand zu Neurodiversität am Arbeitsplatz aus Medizin, Psychiatrie, Psychologie und Soziologie zusammengetragen.1 Einige Punkte gelten dort als weitgehend geteilt, andere als umstritten:
| Weitgehend Konsens | Umstritten |
|---|---|
| Einige neurologische Entwicklungsbesonderheiten lassen sich als Neurominderheiten beschreiben. | Die Begriffe selbst – etwa „Störung“, „Besonderheit“ oder „Neurominderheit“. |
| Kennzeichnend ist ein Stachelprofil: Schwierigkeiten bei exekutiven Funktionen neben ausgeprägten kognitiven Stärken. | Ob Neurodivergenz als Behinderung oder als natürliche Verschiedenheit einzuordnen ist. |
| Diagnose und rechtlicher Schutz unterscheiden sich je nach Land – mit unklaren Leitlinien für Praxis und Arbeitgeber. |
Der Artikel empfiehlt, dass Forschung stärker funktionale, berufliche Fragen untersucht und die Erfahrungen der Betroffenen einbezieht.1 Für Begleitung heißt das: Die Evidenz ist im Entstehen, nicht abgeschlossen.
Was zur Wirkung von Begleitung bekannt ist
Spezifische Studien zu Coaching bei Neurodivergenz sind selten. Ein Beispiel ist eine Studie von Prevatt und Yelland zu ADHS-Coaching bei Studierenden: Nach einem achtwöchigen Programm berichten die Autor:innen Verbesserungen bei Lern- und Studienstrategien, Selbstwert, Symptombelastung und Zufriedenheit mit Studium und Arbeit.2
Die Aussagekraft ist begrenzt: eine bestimmte Zielgruppe (Studierende) und ein bestimmtes Programm – Aussagen für Berufstätige lassen sich daraus nicht direkt ableiten. These: Die allgemeinen Befunde zur Wirksamkeit von Coaching (siehe Meta-Analysen) lassen sich nicht ungeprüft auf neurodivergente Menschen übertragen – weder positiv noch negativ.
Zwei Richtungen, in die Begleitung kippen kann
Unterstützend: Begleitung hilft einer Person, ihr eigenes Profil zu verstehen, Strategien für exekutive Herausforderungen zu entwickeln, Stärken gezielt einzusetzen und passende Arbeitsbedingungen einzufordern.
Anpassend: Begleitung wird eingesetzt, damit eine Person „besser funktioniert“ – ohne dass Arbeitsumgebung, Erwartungen oder Kommunikation hinterfragt werden. Der Auftrag lautet dann eigentlich: Mach dich passend.
These: Der Unterschied liegt weniger in der Methode als im Auftrag. Eine Begleitung, deren Ziel allein die Anpassung der Person ist, verschiebt eine Organisationsaufgabe auf den Einzelnen.
Grundsätze für Organisationen und Begleitende
- Auftrag mit der Person klären, nicht über sie. Gerade hier gilt, was die Forschung zur Arbeitsbeziehung zeigt: Gemeinsame Ziele sind ein Wirkfaktor.
- Umgebung mitdenken. Viele Hürden entstehen durch Rahmenbedingungen: Großraumbüro, unklare Prioritäten, spontane Unterbrechungen. Begleitung kann helfen, sie zu benennen – verändern muss sie die Organisation.
- Diagnose ist kein Muss, Offenlegung freiwillig. Ob jemand eine Diagnose teilt, ist eine persönliche Entscheidung. Informationen dazu gehören zu den sensibelsten überhaupt; Gesundheitsdaten sind nach DSGVO besonders geschützt.3 Sie haben in Berichten an die Organisation nichts zu suchen (siehe Wirkung messen).
- Kompetenz der Begleitenden prüfen. Wissen über Neurodivergenz ist in der Coaching-Ausbildung nicht selbstverständlich. Wer begleitet, sollte eigene Grenzen kennen und benennen.
- Grenze zur Behandlung wahren. Diagnostik und Behandlung – etwa von begleitenden Depressionen oder Angststörungen – gehören in ärztliche oder psychotherapeutische Hände (siehe Grenzen der Begleitung).
Wann Begleitung nicht die Antwort ist
Wenn die zentrale Hürde in fehlenden Vorkehrungen am Arbeitsplatz liegt, ist Begleitung der falsche erste Schritt. Und wenn jemand unter starker psychischer Belastung steht, ist zunächst Behandlung gefragt. Begleitung kann dann ergänzen, aber nicht ersetzen.
Offene Fragen
- Welche Begleitungsformen wirken bei erwachsenen Berufstätigen mit ADHS oder Autismus – gemessen nicht nur an Selbstauskünften?
- Wie lässt sich prüfen, ob ein Begleitungsauftrag unterstützend oder anpassend angelegt ist?
- Welche Rolle spielen neurodivergente Begleiter:innen selbst – und macht Erfahrung aus eigener Betroffenheit einen Unterschied?
Alle hier verwendeten Quellen stehen im Evidenzregister.
Offenlegung: Guidance Observatory wird von BA Entertainment herausgegeben. BA Entertainment betreibt mit Co;Gether zugleich eine Plattform für professionelle Begleitung. Diese Analyse beschreibt Prinzipien und nennt keine Anbieter.
Quellen
-
Doyle, N. (2020). Neurodiversity at work: A biopsychosocial model and the impact on working adults. British Medical Bulletin, 135(1), 108–125. https://doi.org/10.1093/bmb/ldaa021 ↩ ↩2
-
Prevatt, F., & Yelland, S. (2015). An empirical evaluation of ADHD coaching in college students. Journal of Attention Disorders, 19(8), 666–677. https://doi.org/10.1177/1087054713480036 ↩
-
Art. 9 Abs. 1 DSGVO (Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten, darunter Gesundheitsdaten). ↩